„Der Sieg verschlug uns die Sprache“
Vorher ein gewöhnliches Ehepaar aus Weinstadt (DE), jetzt bekannt als Preisträger von„Spiel des Jahres 2020“. Daniela und Christian Stöhr erzählen im Interview, was ihr Sohn mit der Spielentwicklung zu tun hatte und warum man sich bei “Pictures“ nicht blamieren kann.
Wie haben Sie die Preisverleihung erlebt?
Wir haben es zwar für möglich gehalten, dass “Pictures“ gewinnt, als Favorit galt ja doch ein anderes Spiel. Deswegen waren wir mehr wegen der Live-Zuschaltung nervös und weniger, weil wir daran glaubten zu gewinnen. Als dann “Pictures“ tatsächlich gewonnen hat, konnten wir es im ersten Moment gar nicht glauben. Wir lagen uns voller Freude in den Armen. Wir hatten uns für den Live-Stream extra zwei neue Headsets mit guten Mikrofonen gekauft, und waren dann vor lauter Aufregung ganz sprachlos.
Gleich nach der Preisverleihung wollten wir unseren Sieg all unseren Freunden und Familie mitteilen, aber die meisten wussten schon Bescheid. Im Laufe des Tages kamen noch einige Anfragen zu Interviews von Radio und Zeitung. Am Abend sind wir kaum fertig geworden, uns für alle Glückwünsche zu bedanken.
Wie kamen Sie auf die Idee zu “Pictures“?
Wir hatten schon einige Jahre lang einen Vorläufer-Prototypen in der Schublade liegen. Damals gab es schon Fotos und Symbolkarten. Das Spiel funktionierte noch ganz anders. Man musste sich anhand kleiner Geschichten die Verbindung zwischen Fotos und Symbolen merken. 2018 gab es in Hamburg einen Spieleerfinder-Wettbewerb mit dem Thema „Asymmetrische Spiele“. Diesen Wettbewerb hatte Christian im Hinterkopf. Eines Tages bekam unser älterer Sohn ein Steckspiel geschenkt, bei dem man mit farbigen Kreisen Bilder stecken kann. Da hat es bei Christian „Klick“ gemacht: Mit farbigen Kreisen kann man Bilder darstellen, mit Symbolen kann man auch auf Bilder hindeuten. Das ist asymmetrisch. Daraus könnte man ein Spiel für den Wettbewerb bauen. Daniela war davon begeistert und hatte Ideen für weitere Materialien: Sie fügte dem Spiel die Schnürsenkel, Stöcke, Steine und Bauklötze hinzu.
Wie lange hat es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert?
Die Idee für das Spiel hatten wir kurz vor dem Einsendeschluss für den Spieleerfinder-Wettbewerb. Das muss also ungefähr Oktober 2018 gewesen sein. Nach einigen Wochen bekamen wir aus Hamburg die Rückmeldung, dass die Spielidee gefällt und wir einen Prototyp einschicken dürfen. Im Januar 2019 wurde auf der Preisverleihung des Spieleerfinder-Wettbewerbs “Pictures“ als Sieger gekürt. Von da ab interessierte sich der PD-Verlag für das Spiel. Im April trafen sich Claudia und Peter vom PD-Verlag mit uns. Sie sagten, dass sie das Spiel gerne veröffentlichen möchten und noch ein paar Verbesserungsideen hätten. Pünktlich zur Spielemesse 2019 in Essen war “Pictures“ fertig produziert.
Was war die grösste Herausforderung?
Für die Fotos der ersten Auflage haben Daniela und die Redaktion Fotos aus ihrem privaten Bestand beigesteuert. So kamen über 500 Fotos in die engere Auswahl. In einem intensiven Auswahlprozess, an dem wir zu sechst gearbeitet haben, ist dann die finale Auswahl entstanden. Für den Verlag kamen sicherlich noch andere Herausforderungen hinzu. z.B. hochwertiges Spielmaterial in grossen Mengen zu erwerben und das Spiel doch so anbieten zu können, dass es für Familien erschwinglich bleibt.
Wie war die Zusammenarbeit als Ehepaar?
Wir haben“Pictures“ ab und zu zu Zweit getestet, aber im Wesentlichen haben wir uns die Aufgaben aufgeteilt. Christian hatte die Grundidee für das Spiel. Daniela hat Ideen für weitere Materialien beigesteuert. Christian hat Tests in verschiedenen Spielerunden durchgeführt und war für den letzten Feinschliff auf einer Spieleveranstaltung in Herne dabei. Und Daniela hat (da eines ihrer Hobbys die Fotografie ist) die Fotos der finalen Auswahl bearbeitet.
Für wen eignet sich das Spiel?
Wir haben Rückmeldung von verschiedensten Personengruppen bekommen, denen das Spiel viel Spass macht – von jung bis alt war alles dabei. Man kann es jedem empfehlen, der auf eine ungewohnte Weise kreativ werden möchte und Freude am Rätseln hat. Es macht sogar vielen Spielern Spass, die ansonsten keine Party-Spiele mögen. Man kann sich eigentlich nicht blamieren, weil im Zweifel natürlich die Materialien Schuld sind.
Persönlich
Daniela Stöhr (39) ist von Beruf Erzieherin und momentan in Elternzeit. Christian Stöhr (46) arbeitet als Informatiker in der Automobilbranche. Sie haben zwei Söhne (3 Jahre und 6 Monate) und leben in Weinstadt/Endersbach in der Nähe von Stuttgart. Pictures ist ihr erstes Spiel.
Lieblingsspiele von Daniela:
Karuba, Istanbul, Flügelschlag.
Lieblingsspiele von Christian:
Magic, Agricola, Terraforming Mars
Spiel des Jahres - was ist das?
Das "Spiel des Jahres" ist ein Preis für analoge Gesellschaftsspiele im deutschsprachigen Raum, erstmals vergeben 1979. Berücksichtigt werden deutschsprachige Spiele des aktuellen Jahres und des Jahres davor.
Seit 2001 gibt es den Preis "Kinderspiel des Jahres", seit 2011 das "Kennerspiel des Jahres". Gekürt wird ohne Preisgeld. Die Jury besteht aus ehrenamtlichen Kritiker*innen. Verlage, Autoren oder Organisationen haben keinen Einfluss auf den Entscheid. (Quelle: Spiel des Jahres e.V.)