"Man muss immer wieder eigene Grenzen überwinden" - Vertikaltuch-Artistin erzählt

Angefangen hat sie auf staubigen Heubühnen, als Vertikaltuch noch vielen ein Fremdwort war. Heute ist Andrea Häberle eine gefragte Trainerin und Artistin. Wie viel Arbeit hinter dem federleichten Schweben steckt und wie ihr Videolehrmittel entstand, erzählt sie hier.

«So etwas hatte ich noch nie gesehen»
Ein Moment hat alles verändert: ihr Auftreten, ihr Körpergefühl, ihr Job und ihr Zuhause - all das hätte Andrea Häberle heute nicht ohne diesen einen Abend. Davor war sie ein junges, eher schüchternes Mädchen aus Solothurn. Sie stand gerade im Zwischenjahr nach der Matur und hatte ein Studium der Physiotherapie in Winterthur vor sich. Sport war nicht gerade ihr Lieblingsfach.

Es war eine Turnshow, die ihr ganzes Leben verändern sollte. Eine der Turnerinnen zeigte eine Einlage am Vertikaltuch. Gekonnt schlängelte sie sich am Tuch und wirbelte von oben nach unten. Die damals 20-Jährige war sofort fasziniert. Etwas in dieser Art hatte sie noch nie gesehen. «Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie das machte - es schien physikalisch unmöglich zu sein», erzählt sie. Dass sie später einmal selber unterrichten und als Artistin mit eigenen Shows auftreten würde, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Es war ein langer Weg, 14 Jahre sollte er dauern.

Vertikal was?

Die erste Anlaufstelle war die Artistin vom Turnerabend. Diese hatte die Skills in einem Kinderzirkus in der Schweiz erlernt und war bereit, sie 2x pro Woche zu Hause zu trainieren. «Alles improvisiert und mit harten Tüchern», erinnert sich Häberle. Nach 2 Jahren musste sie sich schweren Herzens eine*n neue Trainer*in suchen. Aber: Es gab niemanden. «Ich habe überall gefragt: in Vereinen, beim Sportamt, im Unisport - niemand kannte die Sportart.» Selbst wenn jemand bereit war, in einer Halle eine Aufhängung zu montieren, gab es Sicherheitsbedenken, welche die Umsetzung verhinderten. Privatstunden bei einem Profi lagen finanziell nicht drin. Es war der TV Räterschen, bei dem sie schliesslich eine Möglichkeit fand, autodidaktisch zu trainieren.

Tücher waren von Motten zerfressen

Nach dem Studium kehrte sie nach Solothurn zurück und suchte dort nach Optionen. Sie entdeckte eine Heubühne, auf der sie mit einer gleichgesinnten Kollegin trainieren konnte. Sie schauten Youtube-Videos und probierten, ob sie das Gesehene umsetzen konnten. «Die Heubühne war staubig, die Tücher von Motten zerfressen und es gab keine Heizung - es war wirklich schwierig», erinnert sich Häberle. Sie merkte, dass es so nicht weitergehen konnte und gründetet den Verein ars volandi. «Dadurch hatten wir die Möglichkeit, Turnhallen zu mieten, richtig zu trainieren und Menschen auf die Sportart aufmerksam zu machen.»

Neuer Zweck für altes Bürgerhaus

Über die Jahre konnte sie so viel Erfahrung am Tuch sammeln und andere trainieren. Die fixen Zeitfenster der Hallennutzung und das Auf- und Abmontieren der Decken-Aufhängung nach jedem Training erweisen sich als nicht ideal. Diese Umstände bewegen sie dazu, sich selbständig zu machen. Um sich die Räumlichkeiten leisten zu können, beschliesst sie, ihre drei Leidenschaften Luftakrobatik, Physiotherapie und Pilates alle an einem Ort und unter einem Namen (Acromio) zu vereinen. Die Suche nach einem passenden Raum dauert erneut 2 Jahre. Gefunden hat sie ihn in einem alten Bürgerhaus im ländlichen Nennigkofen (SO). An den alten Deckenbalken hängt sie die Vertikaltücher auf und gibt bis zu 5 Kurse pro Woche für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im gleichen Raum bietet sie Physiotherapie, Pilates und Massagen an. Gleichzeitig wohnt sie im Gebäude. «Viel Platz für mich bleibt nicht», erzählt die 34-Jährige lachend.

www.acromio.ch

Einzigartiges Lehrmittel kommt an

Die Unterstützung im Training, die ihr fehlte, möchte sie nun anderen anbieten. Sie hat ein eigenes Video-Lehrmittel Vertikaltuch konzipiert - das erste in dieser Form schweizweit. Mitfinanziert wurde es durch ein Crowdfunding auf ibelieveinyou.ch. Entstanden sind 30 Videolektionen à ca 10 Minuten. Auch ein Warmup- und Sicherheitsvideo findet sich auf dem Lehrmittel, das auf einem USB-Stick geliefert wird. In Zeiten, in denen es zu Vertikaltuch (#aerialsilk) auf Instagram über 2 Mio. Beiträge gibt (deutlich mehr als Jonglieren #juggling), scheint es das passende Format zur richtigen Zeit zu sein.

Hart erarbeitete Leichtigkeit

Da es bisher keine einheitliche Bezeichnungen für die Figuren gibt, hat sie selber solche entwickelt. Die Figuren sind jedoch nicht so leicht, wie sie aussehen. «Wir erschaffen eine Illusion - viele stellen es sich deutlich einfacher vor, als es ist.» Verbrennungen und Stürze können vorkommen und auch, dass man sich nicht mehr selber aus dem Tuch befreien kann. Deshalb empfiehlt Häberle: «Nie alleine trainieren.» Neben intensivem  Training seien es vor allem zwei Dinge, die Neulinge benötigen würden: «Ein starker Wille und eine hohe Frustrationstoleranz». Die emotionalen Aspekte seien nicht zu unterschätzen. «Man muss immer wieder die eigenen Grenzen überwinden - schliesslich versuchen wir, physikalische Gesetze auszuhebeln» Wie das in Perfektion gelingt, zeigt sie bei eigenen Shows, meist im Rahmen von Firmenevents oder kulturellen Anlässen. Mit Vertikaltuch, Artistikring und Strapaten beherrscht die Solothurnerin inzwischen ein breites Repertoire der Luftakrobatik. Bei den Auftritten ist sie es nun, die federleicht am Tuch schwebt - auch an Turnshows.
www.arsvolandi.ch/shows-shootings

Vertikaltücher, Deckenbefestigungen und Aufhängevorrichtungen kannst du hier bestellen:

www.jugglux.ch/Vertikaltuecher

www.jugglux.ch/Vertikaltuch Verankerungsplatte

www.jugglux.ch/Aufhängevorrichtung Vertikaltuch

www.jugglux.ch/Vdeo Lehrmittel Vertikaltuch von Andrea Häberle

 

 

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