Trainiere, als wäre es ein Tanz

Jonglieren ist Kunst. Zumindest für Anthony Trahair. Der Engländer sorgt mit seinen unkonventionellen Workshops für neue Ansätze. In seinem Buch erhält man Einblick in seinen Mix aus Jonglage, Tanz und Schauspiel. Im Gespräch mit Jugglux erklärt er, wie man Trainingstiefs überwindet und warum man vor Auftritten keine Schokolade essen sollte. 

«Es ist ziemlich ruhig im Moment», sagt Anthony Trahair. Der Engländer lebt mit seiner Frau, drei Katzen und zwei Hühnern in der Nähe von Rom. Normalerweise gibt er mehrtägige Jonglier-Retreats für Menschen aus ganz Europa. Seine Workshops sind ein Kombination aus Jonglage, Yoga, Tanz und Schauspiel. Die Pandemie hat auch ihn nicht verschont. «Ich vermisse es, Workshops zu geben», sagt er. Er nutze die Zeit, um sich auf das zu konzentrieren, was ihm wichtig sei. Und denkt dabei nicht zu klein. Sein Ziel ist die Eröffnung eines eigenen Jonglier- und Verspieltheits-Forschungszentrums. «Es wird in der Natur sein –  mit Permakultur als grossen Teil davon.»

«Das Jonglieren war hypnotisierend»
Mit dem neuen Zentrum hätte er sogar Platz für mehr Teilnehmer*innen. Zeit für sich selbst ist ihm dennoch wichtig. Er liebt es, zu lesen, meditieren, im Garten zu arbeiten und vor allem: «Yoga zu praktizieren – ich habe noch keinen Tag ausgelassen in 23 Jahren.» Mindestens ebenso lange jongliert er schon. Hinter dem Rücken oder beim Rasenmähen - für ihn gibt es keine Grenzen in der Ballkunst. Zur Jonglage kam er eher zufällig. Im Chemie-Studium zeigte ihm Kommilitone Alex, wie man mit den Bällen spielt. «Ich fand es hypnotisierend», erzählt Trahair. Eines Tages habe er es selbst ausprobiert und war begeistert, als es funktionierte. Nach dem Studium wanderte er drei Jahre lang durch Europa. In Italien, wo er damals Yoga, Akrobatik, Clown und Tanz studierte, fand er sein neues Zuhause. 2003 besuchte er die Accademia Dimitri im Tessin. «Ich habe in der Schule so viel gelernt», schwärmt er. Das akribische Detail, die Sorgfalt und die Handwerkskunst haben ihm besonders gefallen.

«Kann die fünf Keulen immer noch nicht halten»
Anthony passt gut in das Bild des kreativen Künstlers. So ist auch der Ansatz seiner Workshops unkonventionell: Wer neue Techniken und Tricks erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. «Ich dachte, ich werde neue Tricks lernen und es schaffen, mit fünf Keulen zu jonglieren», erzählt ein Teilnehmer. «Ich habe keine neuen Tricks gelernt und kann die fünf Keulen immer noch nicht halten – aber was für eine Reise!» Er schwärmt von der Möglichkeit, sich selbst auf der Bühne wiederzuentdecken und  sich ausprobieren zu können. «Wenig Arbeit mit Equipment, viel mit dem Körper», fasst er die Tage zusammen. Als eine Entdeckungsreise zum wahren Sinn des Jonglierens beschreibt es eine andere Teilnehmerin. «Das war nicht nur ein Jonglierworkshop: Wir tanzten, während die Requisiten in die Luft flogen, wir kreierten Poesie, wir lachten und weinten», schwärmt sie. «Anthony hat uns beigebracht, wie wichtig Herz und Seele in der ‹kalten› Disziplin des Jonglierens ist.»

Mehr Anmut dank Achtsamkeit
Der achtsame Umgang mit dem Körper beim Jonglieren ist Anthony Trahair besonders wichtig: «Wenn wir mit unserem Körper verbunden sind, bewegen wir uns mit mehr Anmut.» Neben mehr Kreativität profitiere man von mehr Energie, um auch intensive Trainingstage durchzustehen. Er ist sogar der Meinung, dass jeder mehr aus seinen Trainings herausholen kann. «Wir sollten mehr Wert auf den sensorischen Teil unserer Arbeit legen», sagt er.  Wie? «Durch Wahrnehmen und Zuhören.»

«Durchbrüche, die man sich nicht vorstellen konnte»
Jonglieren bringe viele innere Empfindungen hervor, wenn man zuhören könne. «Der ganze Körper fängt an zu summen. Man macht Durchbrüche, die man sich nicht vorstellen konnte», freut sich Trahair. Um diesen Zustand zu erreichen, sei es wichtig, nicht auf der Stufe des Tuns zu bleiben.  «We are human beings -  not doings», sagt er. Damit spricht er ehrgeizige Jongleure an: «Viele von uns sind sehr stolze Autodidakten und denken, sie können alles alleine schaffen.», sagt er. Dies sei bis zu einem gewissen Grad wahr. Er kenne jedoch die Schwierigkeiten, selbst zu üben. «Ich versuche, eine Gruppenumgebung zu schaffen, die es unterstützt, diese Schwierigkeiten zu überwinden.»

«Suche nach Spass» - Tipps für‘s Training
Selbst erfahrenen Jongleure sind von einer sporadischen Trainningsunlust nicht gefeit. Was hilft? «Suche nach dem Spass», sagt Trahair. Er empfiehlt, nach neuen Aspekten, nach kleinen Dingen zu suchen. «Trainiere, als wäre es ein Tanz» ist sein Motto. Der Übende soll sich fragen: «Welches Spiel spielst du, wenn du jonglierst? Macht es Spass?» Wenn nicht, empfiehlt er, kurzfristig auf ein anderes Spiel auszuweichen. Wenn man eine Weile mit Jonglieren pausiert, könne es einige Tage dauern: «Aber wenn man offen ist, kommt der Funke zurück», erklärt er. In seinem Buch «Perlen des Jonglierens» gibt er zahlreiche unkonventionelle Tipps. Zum Beispiel, dass die Artist*innen keine Schokolade vor der Aufführung essen sollen. «Viele Leser*innen sprechen mich darauf an», sagt Anthony Trahair lachend und ergänzt: «Es geht mehr um den Zucker als um die Schokolade.» Vermieden werden soll ein schnell ansteigender Blutzuckerspiegel.

Crowdfunding geglückt
Dies und Tipps wie «fühle den Boden unter deinen Füssen, während du jonglierst» machen das Buch von Trahair zur kreativen Ausnahmeerscheinung unter den Jonglier-Büchern. 5 Jahre hat der Jongleur daran gearbeitet. Entstanden sind 150 Seiten. Zwar ohne Tricks, dafür mit einem breiten Spektrum an Themen. Von Bewegungsqualität über Musik und Schauspiel bis zum Umgang mit Drops und der idealen Szenen-Zusammenstellung. Das farbenfrohe Werk wurde von Studierenden der Scuola Internazionale di Comics di Roma aufwendig illustriert. Das Buch, das der Jongleur als das «erste seiner Art» bezeichnet, entstand mit Hilfe eines Crowdfundings. Auch Jugglux hat sich daran beteiligt. Ziel des Buches war es unter anderem, das Jonglieren-Lernen auch jenen zu ermöglichen, die nicht mehrere Jahre eine Schule besuchen möchten. «Autodidaktische Jongleure haben eine solche Entschlossenheit und können sich, wenn sie gut angeleitet werden, immer wieder selbst in Erstaunen versetzen», ist der 46-Jährige überzeugt.
Jonglieren gegen den Corona-Blues?
Hilft das Jonglieren vielleicht auch in Zeiten einer Pandemie? Laut Trahair Ja. Es sei eine Aktivität, die Körper und Geist einbeziehe und im eigenen Lebensraum ausgeführt werden könne. «Wenn Sie anfangen zu jonglieren, fühlt es sich erstaunlich an», schwärmt Trahair. Er sieht es durchaus als Selbsthilfe in der Pandemie. «Es gibt so viel Schwere in dieser Situation. Da kann es eine grosse Hilfe sein kann, etwas Leichtigkeit zu finden.» Ihm selbst hat Jonglieren einiges gelehrt: Sich ohne Anstrengung zu konzentrieren, loszulassen, demütig zu sein, ruhig zu bleiben. Und: «Selbst dann weiterzumachen, wenn die Bälle verstreut am Boden landen».

Trainiere, als wäre es ein Tanz, Gespräch mit Anthony Trahair, Artikel als PDF.

Zur Person: Nach seinem Abschluss in Chemie an der Universität von Birmingham wanderte Anthony Trahair drei Jahre lang durch Europa. In Rom studierte er Yoga, Akrobatik, Clown und Tanz. Er trat selber auf und unterrichtete. 2003 absolvierte er die renommierte Dimitri Physical Theatre School im Tessin. Heute lebt der 46-Jährige mit seiner Frau in Toffia (IT). Dort gibt er mehrtägige Jonglier-Workshops - eine Mischung aus Jonglage, Yoga, Tanz und Schauspiel. Sein Buch «Perlen des Jonglierens» erschien in Italienisch, Englisch und Deutsch. Das Buch wurde durch ein Crowdfunding ermöglicht, an dem auch Jugglux beteiligt war. In seinen Facebook Live-Events «Meet the Jugglers» stellt er verschiedene Artist*innen mit ihren Tricks vor und verbindet Menschen aus der ganzen Welt.

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